Ruhe bewahren:
Was eine Hochtour wirklich lehrt
Eine Hochtour beginnt lange bevor der erste Schritt auf den Gletscher gesetzt wird. Gute Vorbereitung, klare Abläufe und ruhiges Handeln schaffen die Grundlage für Sicherheit – und oft auch für bessere Entscheidungen.
Wer an Hochtouren denkt, hat meist schmale Grate, Gletscher und beeindruckende Gipfel vor Augen. Tatsächlich beginnt eine sichere Tour jedoch lange vorher. Wetterberichte werden verglichen, die Route geplant, das Material sortiert und jeder Knoten kontrolliert. Vieles davon wirkt unspektakulär – bis man selbst einmal in einer Seilschaft unterwegs ist.
Während meiner Hochtourenausbildung beim Alpenverein stand genau das im Mittelpunkt. Gemeinsam mit einem Bergführer trainierten wir den sicheren Umgang am Gletscher. Anseilen, die Fortbewegung in der Seilschaft, das Sichern in steilem Gelände und das Abseilen gehörten dabei ebenso dazu wie die sorgfältige Vorbereitung jeder einzelnen Tour.
Neben den technischen Inhalten blieb mir vor allem eine Beobachtung in Erinnerung: Je anspruchsvoller die Situation wurde, desto ruhiger verliefen die Abläufe.


Ruhe bedeutet nicht, langsamer zu handeln. Ruhe bedeutet, jedem Schritt die Aufmerksamkeit zu geben,
die er braucht.
Wenn Ruhe effizienter wird als Hektik
Gerade beim Anseilen oder beim Einrichten eines Standplatzes entsteht schnell das Gefühl, möglichst rasch fertig werden zu wollen. Schließlich wartet die Gruppe und der eigentliche Aufstieg beginnt erst danach.
Am Berg zeigt sich jedoch ein anderes Bild.
Erfahrene Bergführer arbeiten mit einer bemerkenswerten Ruhe. Jeder Handgriff folgt einer klaren Reihenfolge. Das Material liegt griffbereit, die nächsten Schritte sind vorbereitet und jeder Blick gilt genau der Aufgabe, die gerade ansteht.
Dadurch entsteht ein Arbeitsfluss, der fast selbstverständlich wirkt.
Wer hingegen versucht, Zeit durch Hektik zu gewinnen, übersieht schneller einen Karabiner, verdreht das Seil oder bindet einen Knoten ein zweites Mal. Aus wenigen eingesparten Sekunden werden oft mehrere Minuten zusätzlicher Arbeit.

Vorbereitung schafft Handlungsspielraum
Mit jeder Übung wurde deutlicher, welchen Einfluss eine gute Vorbereitung auf die eigentliche Tour hat.
Wer sein Material kennt, muss unterwegs nicht lange suchen. Wer die Abläufe verinnerlicht hat, kann seine Aufmerksamkeit wieder der Umgebung widmen – dem Gelände, den Schneeverhältnissen oder der Gruppe.
Interessanterweise entsteht gerade dadurch mehr Flexibilität.
Weil die Grundlagen sitzen, bleibt Raum für das, was sich unterwegs nicht planen lässt.
Struktur wirkt dann nicht einschränkend. Sie schafft Orientierung.
Je größer die Herausforderung, desto wertvoller werden Klarheit, Struktur und Ruhe.
Eine Beobachtung, die bleibt
Je länger ich über diese Tage nachdenke, desto spannender finde ich diesen Zusammenhang.
Ausgerechnet in einer Umgebung, in der kleine Fehler schwerwiegende Folgen haben können, versucht niemand, Hektik mit Effizienz zu verwechseln. Die Abläufe sind ruhig, die Kommunikation klar und jede Handlung baut auf der vorherigen auf.
Vielleicht liegt genau darin eine Beobachtung, die weit über den Bergsport hinausreicht.
Vorbereitung schafft Vertrauen und Ruhe. Ruhige Abläufe schaffen Sicherheit. Und Sicherheit schafft den Freiraum, auch unter anspruchsvollen Bedingungen gute Entscheidungen zu treffen.


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