Anpassungsfähigkeit:
Wenn Pläne plötzlich kippen

Nicht jeder Wettkampf wird zu dem Rennen, für das man an der Startlinie steht. Manchmal liegt die eigentliche Herausforderung nicht vor einem, sondern entsteht erst unterwegs.

Der Start beim 56. Ebbser Koasamarsch Classic Run fühlte sich an wie viele Wettkämpfe zuvor. Die Vorbereitung war abgeschlossen, die Bedingungen gut und die ersten Kilometer verliefen genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

33 Kilometer und 1.900 Höhenmeter lagen vor mir. Eine Distanz, die Respekt verlangt, aber auch genügend Zeit lässt, um in einen Rhythmus zu finden.

Bis etwa zur Rennhälfte lief alles nach Plan. Dann reagierte mein Körper mit Magenkrämpfen – etwas, das ich in einem Wettkampf bisher noch nie erlebt hatte.

Innerhalb weniger Minuten veränderte sich dadurch die gesamte Ausgangslage. Die ursprünglich angepeilte Zielzeit rückte in den Hintergrund. Auch die Platzierung verlor an Bedeutung. Aus einem Rennen gegen andere wurde plötzlich ein Rennen gegen die eigenen Umstände.

Das ursprüngliche Ziel war damit nicht mehr erreichbar.

Für einen Moment verändert sich dadurch die gesamte Perspektive. Die Zeit, die Platzierung und die Erwartungen verlieren an Bedeutung. Der Fokus wandert automatisch auf das, was unmittelbar vor einem liegt: den nächsten Anstieg, den nächsten Kilometer, die nächste Entscheidung. Nicht weil die ursprünglichen Ziele unwichtig werden. Sondern weil sie in diesem Moment keine hilfreiche Orientierung mehr geben. Der Blick richtet sich automatisch auf das, was unmittelbar vor einem liegt und tatsächlich beeinflusst werden kann.

Martin Ziekel kurz nach dem Start des 56. Ebbser Koasamarsch in Tirol
Trailrunner, Lauf- und Mentaltrainer Martin Ziekel in der Vorbereitung beim Ebbser Koasamarsch im Startbereich

Nicht jede Herausforderung besteht darin, den Plan einzuhalten.
Manche bestehen darin,
einen neuen zu finden.

Wenn sich die Bedingungen verändern

Im Sport wird oft über Vorbereitung gesprochen. Trainingspläne, Strategien und Leistungswerte lassen sich messen und vergleichen. Sie geben Orientierung und schaffen Sicherheit. Doch irgendwann kommt in fast jedem Wettkampf der Punkt, an dem Vorbereitung allein nicht mehr ausreicht. Dann verändern sich die Bedingungen.

Manchmal ist es das Wetter. Manchmal die Strecke. Manchmal der eigene Körper.

Die Frage lautet dann nicht mehr, wie der ursprüngliche Plan umgesetzt werden kann. Die Frage lautet vielmehr, was unter den neuen Bedingungen noch möglich ist.

Genau dieser Perspektivwechsel macht Anpassungsfähigkeit so interessant.

Martin Ziekel auf dem Anstieg des Ebbser Koasamarsch

Der Moment, in dem sich die Aufgabe verändert

Die letzten Kilometer des Rennens waren anders als erwartet.

Nicht weil sie technisch anspruchsvoller waren oder die Beine nicht mehr mitspielten. Sondern weil sich die Aufgabe verändert hatte. Jeder weitere Abschnitt wurde zu einer kleinen Entscheidung.

Wie viel Tempo ist noch sinnvoll?
Wie reagiert der Körper?
Was braucht es, um den Tag bestmöglich ins Ziel zu bringen?

Der Blick richtete sich nicht mehr auf die ursprünglichen Erwartungen. Er richtete sich auf den nächsten Kilometer. Und manchmal ist genau das die sinnvollste Strategie.

Nicht nur im Sport.

Anpassungsfähigkeit zeigt sich selten an perfekten Tagen.
Sondern an jenen,
an denen der ursprüngliche Plan seine Gültigkeit verliert.

Warum Anpassungsfähigkeit oft unterschätzt wird

Ziele geben Orientierung. Sie helfen dabei, Energie zu bündeln und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig entsteht leicht die Vorstellung, dass Erfolg vor allem davon abhängt, wie konsequent ein Plan verfolgt wird.

Die Realität sieht meist etwas anders aus. Rahmenbedingungen verändern sich. Prioritäten verschieben sich. Dinge entwickeln sich anders als erwartet.

Nicht jede Situation lässt sich kontrollieren. Der Umgang damit schon. Anpassungsfähigkeit bedeutet nicht, Ziele aufzugeben. Sie bedeutet, handlungsfähig zu bleiben, wenn der ursprüngliche Weg dorthin nicht mehr funktioniert.

Die Tage, die in Erinnerung bleiben​

Am Ende wurde es Platz 5.

Nicht das Ergebnis, das ich mir vor dem Start vorgestellt hatte. Trotzdem blieb von diesem Wettkampf mehr hängen als nur eine Platzierung.

Vielleicht weil manche Rennen weniger darüber erzählen, was unter idealen Bedingungen möglich ist. Sondern darüber, wie wir reagieren, wenn diese Bedingungen plötzlich nicht mehr existieren.

Und genau deshalb bleiben sie oft länger in Erinnerung. Nicht wegen des Ergebnisses. Sondern wegen der Art, wie man mit den Umständen umgegangen ist.

Mehr zum Rennen

Der offizielle Rennbericht des Ebbser Koasamarsch mit Ergebnissen, Bildern und weiteren Eindrücken ist hier zu finden:

Rennbericht Ebbser Koasamarsch 2026

Martin Ziekel im Ziel des Ebbser Koasamarsch